Einleitung
Ich wollte einen 'Stummen Diener' in Form einer Leiter bauen (lassen), die an der Wand lehnt. Bei der Frage, wie der denn zu gestalten sei und in welchem Winkel er an der Wand lehnen solle, sind einige interessante mathematische Fragestellungen und Phänomene aufgetaucht, die ich hier darstellen möchte.
In welchem Winkel kann die Leiter aufgestellt werden, ohne die Steckdose zu berühren?
Zunächst dachte ich: "Das ist ja ganz einfach! Ich brauche nur die Funktion, die die Hüllkrve beschreibt, die entsteht, wenn die Leiter die Wand hinunterrutscht. Darin setze ich dann die Koordinaten der Steckdose ein und fertig."
A(a,0) und B(0,b) sind die Punkte, an denen die Leiter den Fußboden bzw. die Wand berührt. Die Geogebra-Datei, mit der die Bilder angefertigt wurden, kann hier zur Offline-Bearbeitung heruntergeladen oder hier online benutzt werden. Hüllkurve der die Wand herunterrutschenden LeiterWas ist überhaupt eine Hüllkurve? In unserem Beispiel ist es die Kurve, die die Grenze des Gebiets beschreibt, das die Leiter niemals überstreichen wird, während sie die Wand herunterrutscht. Wenn man zu einer exakteren Definition kommen will, sollte man sich zuerst fragen, wen oder was die Hüllkurve denn einhüllt. "Die Leiter!" ist die naheliegende Antwort in diesem Sachzusammenhang, schon weil in der ganzen Geschichte sonst niemand vorkommt, außer der Steckdose vielleicht. Mathematisch modellieren wir diese Leiter mit einer Strecke, genauer gesagt mit einer Schar von Strecken, weil die Gleichung der Strecke für jeden Winkel, in dem die Leiter an der Wand lehnt, eine andere ist. Genau genommen unterscheiden sich die Gleichungen der verschiedenen Leiter-Strecken nur durch eben diesen Winkel. Eine solche Größe nennt man den Parameter der Schar. Weil man Kurvenscharen auch oft benutzt, um zeitliche Abläufe zu modellieren, wird ein Parameter in Kurvenschargleichungen oft mit t dargestellt. Wir bleiben hier der besseren Anschaung wegen aber bei α für unseren Winkel. Die Gleichung unserer Leiter-Kurvenschar lautet: Wer sich wundert, warum diese Gleichung nicht aussieht wie eine Geradengleichung der Form , wie wir sie aus der Schule kennen, der mache eine kleine Rechenübung und löse sie nach auf! Dann steht dort: Der negative Bruch vor dem entspricht der Steigung . Aber warum steht dort ein Minuszeichen? Normalerweise ist die Steigung doch identisch mit dem Tangens des Steigungswinkels (und der Tangens ist genau das Verhältnis von Sinus zu Cosinus)! Ja, das stimmt. Aber hier haben wir den Steigungswinkel anders definiert als in der Konvention der Geradengleichung: Das Minuszeichen würde wegfallen, wenn wir statt den Wert einsetzen, die Steigung also mit Hilfe des Winkels rechts der Leiter ausdrücken. Der y-Achsenabschnitt der Geradengleichung entsricht genau der y-Koordinate des Punktes Aber zurück zum Thema Hüllkurve! Mit Gleichung (1) haben wir nun also eine Kurvenschar , deren Hüllkurve oder Einhüllende oder Enveloppe wir berechnen wollen. Wie macht man das? Was sind die Eigenschaften, die die Hüllkurve von anderen Kurven unterscheidet und zur Hüllkurve machen? Das sind genau zwei:
Das hört sich zunächst so an, als sei beides dasselbe, oder? Ist es aber nicht! Wäre Bedingung 1. nicht erfüllt, könnte die Hüllkrve sich irgendwann von den Geraden lösen. Wäre Bedingung 2. nicht vorgegeben, könnte es Geraden der Schar geben, die nicht von der Hüllkurve berührt werden. Also brauchen wir beides. Eine zwar unvollständige aber anschauliche Definition einer Hüllkurve ist: Jede ebene Kurve ist die Hüllkurve ihrer Tangenten.
Um die Hüllkurve wirklich berechnen zu können, brauchen wir noch Gleichungen! Wie drückt man obige Sachverhalte durch Gleichungen aus? Nun zunächst ist doch klar, dass jeder Punkt der Hüllkurve auf einer der Geraden der Schar liegen muss. Deswegen muss Gleichung (1) erfüllt sein. Die zweite Überlegung ist, dass der Punkt der Hüllkurve, der auf der (auf einer) Geraden liegt, der Berührpunkt ist. Dieser Berührpunkt wird sich nicht − bzw. nur infinitesimal − verändern, wenn der Parameter (hier: α) sich infinitesimal verändert. Das ist gleichbedeutend damit, dass die partielle Ableitung der Kurvenschar nach dem Parameter (hier: α) gleich Null ist: Gleichung (3) ist äquivalent mit Gleichung (1). Und die partielle Ableitung nach rechnen wir jetzt aus:
Die Quadrate im Nenner kommen von der Ableitung des Kehrwerts (→ Potenzregel mit Exponent ). Außerdem kommen daher die Minuszeichen: Beim ersten Summanden wird es durch den negativen Sinus als innere Ableitung des Cosinus wieder aufgehoben, beim zweiten Summanden bleibt es stehen. Damit ist schon gesagt, woher der Sinus bzw. der Cosinus im Zähler kommen: Das sind die inneren Ableitungen gemäß Kettenregel.
Damit ergeben sich Gleichungen für bzw. für die trigonometrischen Funktionen, denn auf beiden Seiten der Gleichung muss derselbe Wert herauskommen, den ich hier genannt habe: Gleichung (7) und (8) können wir nun in Gleichung (3) bzw. (1) einsetzen, nach den Rechenregeln für Potenzen kürzen und erhalten: Alles was uns jetzt noch stört, ist diese komische Konstante . Um sie zu eliminieren, benutzen wir den Satz des Pythagoras in trigonometrischer Verkleidung, auch die trigonometrische Grundidentität genannt, und setzen auch darin Gleichungen (7) und (8) ein: Wenn wir nun die linke Seite der Gleichung (10) für in die quadrierte Gleichung (9) einsetzen, erhalten wir unser Endergebnis:
Also passt die Lieter bei einer Länge bis zu 6,7 dm in jedem Anstellwinkel unter der Steckdose hindurch. Das alles ist aber nur noch von akademischem Interesse, weil das erstens viel zu kurz ist und die Leiter ja in einem festen Anstellwinkel montiert werden soll − und eben möglichst nicht die Wand hinunter gleiten soll. Kommen wir also zur Berechnung des maximal möglichen Anstellwinkels, bei dem die Leiter die Steckdose gerade noch nicht berührt:
Maximaler AnstellwinkelNun haben wir viel gerechnet und gelernt, aber die ursprüngliche Frage, in welchem Winkel wir die Leiter maximal anstellen können, bevor sie gegen die Steckdose stößt, haben wir immer noch nicht gelöst. Natürlich kann man auch das einfach in Geogebra ausprobieren und kommt auf . Aber kann man das auch ausrechnen?
Die überraschende Antwort ist: Ja, aber das ist verdammt kompliziert!
Wie bekommen wir nun das α aus dem Sinus und dem Cosinus heraus? Nur indem wir α in den Tangens hinein packen! Aber immerhin haben wir dann nur noch eine Funktion, in der α steckt. Dazu ersetzen wir Sinus und Cosinus durch Ausdrücke mit dem Tangens und das geht so: Nun setzen wir Gleichung (15) in Gleichung (16) ein und erhalten: Analog lässt sich herleiten, dass Nun überlegen wir uns noch, dass in unserer Anwendung gilt, was dazu führt, dass wir immer die positive Wurzel benutzen dürfen.
Das mühsame Ausmultiplizieren von Gleichung (22) führt auf ein Polynom vierten (!) Grades in : Tatsächlich hat die Copilot-KI dafür heute (26.02.2026) eine analytische Lösung gefunden. Die war nur leider falsch. Copilot wollte eine (nicht vorhandene) palindromische Form ausnutzen, die aber nur dann gegeben wäre, wenn wäre. Gehen wir also zunächst den einfachsten Weg und suchen eine grafische Lösung!
Für meine Anwendung als Stummer Diener ist natürlich nur relevant. Auch wenn die Copilot-KI sie nicht gefunden hat, gibt es eine geschlossene Lösung für Polynome vierten Grades, mit der wir diese Winkelwerte auch ausrechnen können (ähnlich wie die Mitternachtsformel für quadratische Gleichungen). In der Wikipedia wird die entsprechende Formel angegeben und wenn man sie ohne Hilfsgrößen hinschreibt, ist sie absurd lang! Wenn wir den in der Wikipedia angegebenen Lösungsweg auf Gleichung (23) anwenden wollen, müssen wir zunächst die Parameter durch Koeffizientenvergleich ermitteln: Diese Werte setzen wir jetzt in die Nullstellenformel ein, die in der Wikipedia steht. Dabei habe ich, um Verwechslungen zu vermeiden, und durch und ersetzt, weil wir und ja bereits für die Koordinaten des Punktes benutzt haben. Und die unabhängige Variable heißt bei uns ja nicht sondern . Diese Gleichungen sind nur deswegen so schön kurz, weil darin die Hilfsgrößen , und verwendet werden. Die müssen wir natürlich auch noch ausrechnen: Und schon wieder stecken in der Formel (38) für die Hilfsgröße S weitere Hilfsgrößen nämlich und , sodass wir für noch keinen Zahlenwert angeben können. Wir müssen erst diese weiteren Hilfsgrößen ausrechnen: Es ist doch nicht zu glauben! Noch bevor wir alle Hilfsgrößen ausgerechnet haben, taucht mit schon die nächste auf! Das erinnert ja an eine Matrjoschka! Aber die Größen und sind nicht ohne Grund durchnummeriert. Im Wikipediaartikel ist ihre weitergehende Bedeutung erklärt. Hier wollen wir sie erst mal nur berechnen: Und hier taucht endlich auch mal der Koeffizient aus Gleichung (33) auf! Es wäre ja schon sehr verwunderlich, wenn der überhaupt keine Rolle spielen würde. Jedenfalls können wir damit nun berechnen und die Matrjoschkapuppen wieder ineinander setzen.
Alle Hilfsgrößen rückwärts in Gleichungen (34) und (35) eingesetzt ergibt sich dann: In nebenstehendem Bild ist das Polynom aus Gleichung (23) bzw. (28) mit seinen Nullstellen zu sehen, die Geogebra natürlich nur numerisch gefunden hat. Aber sie stimmen mit unseren rechnerisch gefundenen Werten überein. Wir dürfen also davon ausgehen, uns nicht verrechnet zu haben. (Man beachte die stark unterschiedlichen Skalen auf der x- bzw. y-Achse! Vierte Potenzen führen recht schnell zu sehr großen Zahlen.) Das sind nun endlich die Lösungen der quartischen Gleichung (23)! Was bedeuten Sie? Wollten wir nicht eigentlich einen Winkel ausrechnen? Ja. Wir erinnern uns, dass wir auf dem Weg von Gleichung (13) zu Gleichung (20) durch ersetzt haben. Die Lösungen (44) bis (47) sind also Tangenswerte. Diese müssen wir nun nur noch mit auf Winkelwerte zurückrechnen und kommen auf: Und siehe da: Nach sehr viel Rechnerei kommen wir mit und auf dieselben Werte, die wir in (26) und (27) auch grafisch ermittelt hatten! Und warum gibt es hier vier Lösungen? Was bedeuten die beiden negativen Winkelwerte?
Berechnung quartischer Gleichungen mit PythonObwohl die Copilot-KI beim ersten Versuch den peinlichen Fehler gemacht hat, wollte ich ihr eine zweite Chance geben und habe ihr folgende Aufgabe gestellt: "Schreibe mir ein Python-Programm, das die Nullstellen eines Polynoms vierten Grades berechnet wie unter https://de.wikipedia.org/wiki/Polynom_vierten_Grades#L%C3%B6sung_der_Gleichung_vierten_Grades_durch_Radikale_(Wurzelausdr%C3%BCcke) beschrieben!" Dieses Mal wurde ich positiv überrascht: Ich bekam ein vollständiges Pythonprogramm, das die folgende Ausgabe liefert, wenn man in Zeile 119 die Werte aus Gleichungen (29) bis (33) für a, b, c, d und e einsetzt:
Die ausgegebenen Werte sind komplexe Zahlen, zu erkennen an dem nach dem zweiten Teil der Zahl, das als Faktor ihren Imaginärteil kennzeichnet. Python hat die Eigenart, die imaginäre Einheit mit statt mit zu bezeichnen. Offenbar hatten bei der Entwicklung dieser Programmiersprache Elektrotechniker einen größeren Einfluss als Mathematiker. Erstere pflegen das nämlich so zu tun, weil in der Elektrotechnik der Buchstabe bereits für die elektrische Stromstärke reserviert ist.
Immerhin verwendet das Copilot-Programm aber eine interessante Methode, um diesen Rundungsfehler klein zu halten: Die Art der Berechnung der Polynomwerte in
in Zeile 114, vermeidet die Nutzung der Potenzfunktion und ersetzt sie durch die effizientere Multiplikation, indem folgender Zusammenhang verwendet wird: Ich habe das Python-Programm auch benutzt, um zu verifizieren, dass man wirklich dieselben Ergebnisse erhält, wenn man einen der anderen beiden Werte für die Hilfsvariable Q benutzt, die sich aus Gleichung (39) ergeben. Das lässt sich einfach realisieren, indem man in Zeile 76 die Reihenfolge der Kandidaten verändert also z. B. indem man schreibt:
Wenn man das tut, erhält man genau dieselben Werte für bis − nur in einer anderen Reihenfolge. Kurve von Punkten auf der Leiter
"Chapeau!" jedem, der bis hierhin gelesen hat!
Die Antwort ist: Eine Ellipse! Genauer gesagt eine Viertelellipse. Die Halbachsen der Ellipse entsprechen den Leiterabschnitten, die dieser Punkt erzeugt. In dem Sonderfall, dass der Punkt genau auf der halben Länge der Leiter sitzt, ergibt sich also ein Viertelkreis. In der Geogebra-Datei heißt dieser Punkt S und mit dem Schieberegler posS lässt sich einstellen, bei wie viel Prozent der Leiterlänge er sich befindet. Dieser Punkt zieht eine Spur, sodass man seine Bahn erkennen kann, sobald man den Schieberegler für den Anstellwinkel α bewegt. Neben- oder vorstehende Bilder (je nach Bildschirmbreite) zeigen diese Bahnkurven für 50% und 75% der Leiterlänge: Wie kann man rechnerisch zeigen, dass es sich wirklich um eine Ellipse handelt?
Dazu teilen wir die Leiter in zwei Teile: Der erste Teil ist die Strecke vom Punk S zum Punkt B und der zweite Teil ist die Strecke vom Punk S zum Punkt A. Die Längen dieser Strecken lassen sich mit dem Strahlensatz berechnen. Dazu müssen wir uns noch daran erinnern, dass wir die x-Koordinate des Punktes A mit a und die y-Koordinate des Punktes B mit b bezeichnet haben. Die Koordinaten des Punktes S nennen wir . Wo sind jetzt unsere Strahlen und Parallelen für den Strahlensatz? Es gibt zwei Strahlenpaare:
Der Strahlensatz besagt dann die Gleichheit der folgenden Verhältnisse: Außer dem Strahlensatz machen wir uns noch den Satz des Pythagoras zunutze, wonach das Quadrat der Leiterlänge der Summe der Quadrate von a und b entspricht: Nun formen wir Gleichungen (53) und (54) nach a bzw. b um und setzen das Ergebnis in Gleichung (55) ein: Jetzt müssen wir nur noch durch dividieren und schon steht eine Ellipsengleichung für die Koordinaten unseres Puntes da: Wenn der Punkt S in der Mitte der Leiter sitzt, dann ist und wir können mit multiplizieren, um die Kreisgleichung zu erhalten: Schlusswort
Zum Beweis, dass das keine ausgedachte Problemstellung war, hier der reale, inzwischen fertiggestellte Stumme Diener. Auch die Steckdose ist auf dem Foto gut zu erkennen. Wie gut passt unser Modell denn nun zur Wirklichkeit? Die echte Leiter steht in einem Winkel von α = 73° an der Wand und die Steckdose hat zur Wange einen Abstand von 6,5 cm. Laut unseres Modells sollte der Abstand aber 9,6 cm betragen! Der Unterschied kommt daher, dass die Leiter oben und unten abgeschrägt ist, ihre wirksame Länge also weniger als 20 dm beträgt. Der Tischler (Benno Borchert, BB-Tischlerei, sehr empfehlenswert!) hat vor der Fertigung ein reales Modell in Form einer Latte angehalten und den gewünschten Winkel abgenommen. Erstaunlich was man im Zusammenhang mit einem recht banalen Alltagsproblem so alles rechnen kann, oder?
Ich finde das alles ziemlich erstaunlich und schön!
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