Geschichten |
Guten Tag! Mein Name ist Michael Janßen.
Beide, sowohl mein Vor- als auch mein Nachname, sind eher Oberbegriffe als zur individuellen Unterscheidung geeignete Bezeichner:
In dem Jahr, in dem ich geboren wurde (1964), war „Michael“ nach „Thomas“ der zweitbeliebteste Vorname in Deutschland. Hinzu kommt, dass es sich um den geburtenstärksten Jahrgang aller Zeiten in Deutschland handelt und dass außerdem die Vielfalt der Namen damals geringer war als heute. So kommt es, dass sich heute bei Vorstellungsrunden in Besprechungen gelegentlich herausstellt, dass die Hälfte aller Teilnehmer denselben Vornamen trägt wie ich. Allerdings muss ich zugeben, dass ich in einem immer noch stark männlich dominierten Umfeld arbeite (Technik, Bundeswehr), so dass sich die geschlechtsbezogene Spezifität von Vornamen kaum auswirkt.
In der Grundschule war das anders: Dort war ich in meiner Klasse der einzige Junge dieses Vornamens, allerdings gab es auch zwei Mädchen namens „Michaela“. Trotzdem hat mir die geschlechtsspezifische Unterscheidbarkeit dieser Vornamen am ersten Schultag nichts genutzt: Die bei uns sogenannten „i−Dötzchen“ (ein erster Hinweis auf meine geographische Herkunft, von der später noch die Rede sein wird) bekamen am ersten Schultag signalorangefarbene Kopfbedeckungen von der Verkehrswacht geschenkt.
Ein älterer Schüler, der meinen Vornamen nicht kannte, teilte Kopftücher an die Mädchen und Mützen an die Jungen aus. Als er bei mir ankam, fragte er mich, ob ich wohl ein Kopftuch oder eine Mütze bekäme. Da ich im Alter von fünf Jahren eingeschult wurde und ohnehin etwas zierlich gebaut war, kann man dem Kameraden keinen Vorwurf machen, aber die Tatsache, dass ich mich nach so langer Zeit an diese Episode erinnern kann, obwohl mein Gedächtnis sonst eher unterdurchschnittlich gut funktioniert, zeigt, wie sehr mich diese Frage verstört hat. Das etwas androgyne Aussehen und insbesondere die Zierlichkeit haben sich aber inzwischen gegeben.
Auch eine weitere Begebenheit aus meiner Kindheit zeigt die Beliebigkeit meines Vornamens: Einmal war ich mit meinem Vater beim Metzger einkaufen. Dieser Einkauf war in zweierlei Hinsicht ungewöhnlich: Erstens war es mein Vater statt meiner Mutter, der den Einkauf tätigte, und zweitens handelte es sich um eine Metzgerei außerhalb unseres normalen Einkaufsreviers, wir waren dort also unbekannt. Beide Umstände mögen miteinander im Zusammenhang gestanden haben, das weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war es damals üblich, dass Kinder zum Abschluss des Einkaufs eine Scheibe Wurst geschenkt bekamen, und es ist möglich, dass ich sogar eine gewisse diesbezügliche Erwartungshaltung erkennen ließ. Am Ende des Einkaufs reichte die Verkäuferin mir also eine Scheibe Mortadella über den Tresen mit den Worten: „Hier Thomas, die ist für dich!“ Einigermaßen empört habe ich geantwortet: „Ich heiße nicht Thomas!“ Woraufhin die Verkäuferin erwiderte: „Na dann eben Michael! Oder Andreas?“ Danach bin ich wohl erstaunt verstummt und habe mich verwirrt der Wurstscheibe hingegeben.
Vielleicht ist es meinem Vater auch irgendwann – möglicherweise bei besagtem Einkauf in der Metzgerei? – aufgefallen, wie häufig der Vorname Michael ist. Jedenfalls fühlte er sich bemüßigt, immer wieder zu betonen und in dem Fotoalbum „Unser Kind“ auch zu dokumentieren, dass die Namenswahl auf einen Vorfahren, nämlich meinen Ururgroßvater zurück gehe. Allerdings habe ich nie gehört, dass derselbe eine herausragende Eigenschaft oder besondere Beziehung zu uns gehabt hätte, die es nahelegen würden, einen Nachfahren nach ihm zu benennen. Auch die Zahl der Namen, die meine Eltern vergeben mussten, hätte, obwohl ich der fünfte Sohn war, es selbst dann nicht erfordert, bis zum Ururgroßvater zurückzugehen, wenn alle meine Brüder bereits nach Vorfahren benannt worden wären. Das war aber nur bei einem der Fall, der denselben Vornamen trägt wie unser Vater.
Ob unsere Großeltern, die ihren Sohn im Jahre 1923 „Wilhelm“ nannten, Kaisertreue waren oder welche Beweggründe sie sonst für diese Namenswahl hatten, entzieht sich leider meiner Kenntnis. Jedenfalls soll der Kaiser gemäß Auskunft der Copilot-KI vom heutigen Tage (31.01.2026) nicht mit derselben Kurzform „Willi“ bedacht worden sein wie sowohl mein Bruder als auch unser Vater.
Ich möchte betonen, dass ich meinen Eltern keinen Vorwurf daraus mache, mir einen beliebten Vornamen gegeben zu haben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man sich der Beliebtheit des Namens zu dem Zeitpunkt, zu dem man sich für ihn entscheidet, gar nicht bewusst sein muss: Auch wenn man versucht, einen seltenen Vornamen für sein Kind zu wählen, kann man später feststellen, dass er in dem betreffenden Geburtsjahr eben doch recht häufig war. Allerdings war „Michael“ schon vor meiner Geburt für einen recht langen Zeitraum sehr populär. Möglicherweise war die Namenshäufigkeit bzw. −seltenheit also gar kein Kriterium für die Auswahl. Wäre ich ein Mädchen geworden, hätte ich „Hildegard“ geheißen. Dieser Name führte zwar zu Zeiten des ersten Weltkrieges die Statistiken an, im Jahr meiner Geburt war er aber äußerst selten.
Am Ende ist wichtig, dass einem der Name gefällt. In dieser Hinsicht hatte ich nie Probleme. Ich erinnere mich, dass ich zu der Zeit, als ich lernte, meinen Namen zu schreiben, auch überlegt habe, wie er rückwärts gelesen heißen würde. „Leachim“ gefiel mir ebenso gut wie das Original. Einzig störend war, dass die Lautzuordnung es nicht erlaubte, auch das „ch“ umzukehren. Dass sogar ein Erzengel so hieß wie ich, fand ich eine tolle Sache. Nur mit der Bedeutung „Wer ist wie Gott?“ als Übersetzung des Namens aus dem Hebräischen konnte ich nicht viel anfangen. Tatsächlich war ich schon damals bescheiden genug, die Antwort auf diese Frage nicht in mir selbst zu sehen. Aber warum eine Frage ein Name sein konnte, erschloss sich mir damals so wenig wie heute.
Darüber gab es einen regelrechten Generationenstreit in unserer Familie. Meine älteren Brüder waren in dieser Hinsicht sicherlich die Vorreiter, aber auch ich habe mich diesbezüglich auf ihre Seite geschlagen, die Seite des Eszett. Es wäre zwecklos zu leugnen, dass dieser Disput auch und ganz wesentlich von Oppositionsgeist gegen einen dominanten Vater geprägt war. Dennoch möchte ich betonen, dass ich auch heute noch der Meinung bin, dass ein Name und seine Schreibweise wesentliche Identifikationsmerkmale sind und nicht nach Belieben oder aus Praktikabilitätsgründen verändert werden sollten. Der finale Nachweis, dass wir Brüder Recht hatten, ist das damals und heute ultimative Argument, das die Schreibweise unseres Namens dokumentiert: meine Geburtsurkunde. Darin steht mein Name als "Michael Janßen".
Unser Vater hätte seinen Namen gemäß Nr. 38 der Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen (NamÄndVwV) vom 11.08.1980 sogar in die von ihm bevorzugte Schreibweise ändern lassen können. Inwieweit das auch uns Kinder betroffen hätte, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.
Wir sind also inzwischen vom Vornamen zum Nachnamen übergegangen.
Der eingangs erwähnte Mangel an Individualität auch dieses Namensteils hängt mit der geographischen Herkunft meiner Familie zusammen. „i-Dötzchen“ sagt man im Rheinland, hier genauer am Niederrhein.
Auf nebenstehender Karte kann man erkennen, wie gehäuft der Nachname „Janßen“ dort auftritt. Als Synonym für einen häufigen Namen wird oft „Meyer“ genannt, was mich zu der anderen, noch stärkeren geographischen Häufung meines Nachnamens im Nordwesten Niedersachsens führt: Als meine Frau mich ihrem Hochschullehrer und Mentor Prof. Dr. Dr. Ulrich Mathée namentlich vorstellte, war das Erste, was dieser mir Schenkel klopfend zu berichten wusste, dass ein Vorfahr des Gründers der Meyerwerft in Papenburg seinen Nachnamen von „Jansen“ in „Meyer“ hatte ändern lassen, und das − so Prof. Mathée − aus Gründen der Namenshäufigkeit.
Aber zurück zur alternativen Schreibweise mit Doppel-s statt Eszett:
Wenn man – aus welchen Gründen auch immer – das Eszett ersetzen muss, ist die Schreibweise mit „ss“ angesichts der Entstehungsgeschichte des Eszett gar nicht abwegig: Es ist nämlich aus einer Ligatur, also einer Verschmelzung zweier Buchstaben, entstanden. Bei diesen kann es sich entweder um das „ſ“ („langes S“) und das „z“ oder um das „ſ“ und das runde „s“ handeln. Dabei ist offensichtlich die erste Kombination namensgebend und die zweite der Grund für die Alternativschreibweise „ss“. Wobei mir nicht verständlich ist, warum sich ausgerechnet diese, Verwechslungsmöglichkeiten erzeugende Alternative durchgesetzt hat; der Duden von 1902 hat das noch anders vorgegeben: „Für ß tritt in großer Schrift SZ ein.“ Der Duden von 1919 sah wenigstens im Falle von Verwechslungsgefahr noch den Ersatz durch „SZ“ vor und zwar als „Notbehelf, der aufhören muß, sobald ein geeigneter Druckbuchstabe für das große ß geschaffen ist.“ Für die Dudenredaktion war damals die Großschreibung ganzer Wörter offenbar der einzige Grund, weswegen man über eine Alternative für das Eszett nachdenken müsse.
1996 ist man dem Eszett auf andere Weise zu Leibe gerückt: Mit der – damals sehr umstrittenen – Rechtschreibreform wollte man einfachere und damit bessere Rechtschreibregeln unter anderem hinsichtlich dieses besonderen Buchstabens schaffen. Meiner Meinung nach ist das durchaus gelungen. Gleichwohl führte die Reform anfangs bei einigen Mitmenschen zu dem Missverständnis, es gebe kein Eszett mehr und ich müsse meinen Nachnamen nun anders schreiben.
Diese Spitze hatte ihre Ursache sicherlich auch in meiner Sturheit, meinen Namen „richtig“ geschrieben wissen zu wollen, die ich nicht nur gegenüber meinem Vater, sondern auch gegenüber allen meinen Mitmenschen an den Tag gelegt habe.
Zu meiner Verteidigung möchte ich anführen, dass das „ß“ in meinem so wenig individuellen Namen wenigstens eine kleine Besonderheit darstellte. Schließlich handelt es sich um einen ausschließlich im Deutschen verwendeten Buchstaben.
In meiner Klasse am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Kleve gab es außer mir noch Paul Janssen und Thomas Jansen, beide aber nicht mit Eszett geschrieben. Das änderte sich, als in der Oberstufe unser Physik-Leistungskurs zu wenige Teilnehmer hatte und mit dem des Konrad-Adenauer-Gymnasiums in Kellen zusammengelegt wurde: In diesem Kurs gab es sogar zwei „Michael Janßen“ und unser Lehrer, Herr Seuken, musste sich in Graphologie üben, um unsere Klausuren auseinanderhalten zu können.
Ab1980 habe ich meine Freizeit dem Segelfliegen verschrieben. Auf Sportflugplätzen werden aus Verwaltungsgründen wie z. B. der Abrechnung von Starts und Flugzeiten sogenannte Startkladden geführt, heute elektronisch, damals auf Papier. Darin wird jeder Flug mit Start- und Landezeit sowie dem Namen des Piloten dokumentiert. Während eines Fliegerferienlagers auf dem Flugplatz eines anderen Vereins kam es zu folgendem Gespräch: Der Startschreiber, ein Mitglied des Gastgebervereins, das die Startkladde führte, rief über den Platz: „Wer sitzt da drin?“ (Gemeint war das Flugzeug, in dem ich saß und das gerade zum Start vorbereitet wurde.) Der Kamerad, der mich startklar machte, antwortete: „Michael mit scharfem Es!“ Offenbar hatte ich vorher immer jeden damit genervt, dass meine Antwort auf solche Fragen immer „Janßen mit scharfem Es“ lautete.
Seit über 100 Jahren ist der Wunsch nach der Schaffung eines „großen Eszett“, also einer Majuskel für das scharfe Es, dokumentiert (s. obiges Dudenzitat), gemäß Wikipedia sogar noch länger. Hätten Sie es gewusst? Seit 2008 gibt es diesen Buchstaben im internationalen Unicode, dem Standard für Zeichensätze auf Computern! Zwar stehen das kleine ß und das große ẞ nicht in demselben schönen Zusammenhang wie die Standard-Groß- und Kleinbuchstaben, dass sie sich nämlich in ihrer binären Darstellung nur um ein Bit unterscheiden, und es gibt das große Eszett ẞ nicht in jeder Schriftart (mein Textverarbeitungsprogramm schaltet beispielsweise von der Schriftart „Century Gothic“ automatisch auf „Calibri“ um, wenn ich mittels [ ↑ ][AltGr][ß] das große ẞ erzeuge), aber immerhin! Umwälzungen brauchen eben ihre Zeit. Das war wohl auch dem Rechtschreibrat bewusst, weswegen dieser Buchstabe erst seit 2017 Bestandteil der offiziellen deutschen Rechtschreibung ist – und das, obwohl der Buchstabe doch ausschließlich für die deutsche Sprache geschaffen wurde. Es hat mich ehrlich gesagt im Nachhinein sehr geärgert, dass ich diese für mich so relevante Errungenschaft gar nicht wahrgenommen habe. Sie wurde sang- und klanglos eingeführt, ohne dass jemand davon Notiz genommen hätte.
Ich selbst habe erst davon erfahren, als ich wegen des großen ẞ, das eigentlich zur Lösung solcher Probleme beitragen soll, wieder mal Schwierigkeiten mit meinem Namen hatte:
Im August 2023 wollte ich bei der Landesregierung Schleswig-Holsteins einen Antrag auf Förderung der Installation einer Wallbox stellen. Kurioserweise kann man einen solchen Antrag ausschließlich online stellen. Dazu braucht man ein Konto im Service-Portal des Landes, für das man sich mit dem Personalausweis und der Ausweis-App elektronisch registriert. Alle Daten werden von der Ausweiskarte elektronisch eingelesen. Auf dem Personalausweis ist der Nachname in Großbuchstaben geschrieben, in meinem Fall einschließlich des Eszett! Und das obwohl er im maschinenlesbaren Textbereich auf der Rückseite nach wie vor mit „SS“ steht. Die Daten des Personalausweises werden automatisch in das Service-Portal und von dort aus in das Formular zum Beantragen der Wallboxförderung übernommen. Leider kannte das Formular diesen Buchstaben nicht und hat nach der Prüfung der Eingabedaten das Absenden verweigert.
Es hat einige Mühe und den Rat eines Informatikers gekostet, den Fehler überhaupt zu identifizieren. Immerhin wurde er dann aber zeitnah behoben.
Warum habe ich mir die Mühe gemacht, diesen Text zu schreiben, und warum habe ich Menschen verführt, ihre Zeit damit zu verbringen, ihn zu lesen?
Da ist zum einen die geschichtliche Seite: Die Entwicklung von Sprache und Namen finde ich interessant. Besonders wenn es überraschende Aspekte gibt. Oder hätten Sie gewusst, dass es einen Buchstaben „großes Eszett“ gibt?
Dann gibt es die technische Seite: Die letztgenannte Episode mit dem Personalausweis soll verdeutlichen, dass ausschließliche Lösungswege (Antragstellung nur online) tatsächlich immer Anwendungsfälle der Lösung ausschließen. Mal mehr mal weniger. Auch und gerade technische Lösungen sind nicht perfekt, denn sie sind am Ende doch von Menschen gemacht.
Auch wollte ich darstellen, wie wichtig gute Kommunikation in allen Lebensbereichen ist, insbesondere wenn ein großer Personenkreis davon betroffen ist. Da gab es nach über hundert Jahren endlich eine Lösung, wie man diesen besonderen deutschen Buchstaben als Majuskel darstellen sollte − und dann erfährt es niemand. Das führt dann dazu, dass die Lösung eines Problems selbst zum Problem wird.
Und zu guter Letzt ist da der persönliche Aspekt: Durch das Schreiben bin ich mir über einiges klar geworden und wer mich kennen will, darf das gerne über mich wissen. Name und Identität sind mir wichtig und dass Menschen damit sorgfältig umgehen. Eine gewisse Pedanterie kommt vielleicht auch dazu.
![]()
Falls diese Seite ohne Navigationsleiste angezeigt wird, aktivieren Sie Javascript oder klicken Sie hier!