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Ein reales Alltagsproblem hat zu der unten stehenden interessanten geometrischen Aufgabe geführt. Die (fast) analytische Lösung wird im Anschluss an die spielerisch-grafische dargestellt. Zur Sache:Die Fenster unseres in Schleswig-Holstein gelegenen Holzhauses öffnen nach außen. Da es bei uns immer windig ist, muss man sie auch im geöffneten Zustand immer arretieren. Dazu hatten wir bisher nur Haken, d.h. man konnte die Fenster entweder ganz öffnen oder gar nicht. Hier erst mal ein Foto der Vorrichtung, um die es geht: Zuerst die geometrische Lösung:Wir schauen quasi im Grundriss auf das sich öffnende Fenster: Das braune Rechteck ist der horizontale Querschnitt durch das Fenster. Der Winkel α bezeichnet den Öffnungswinkel des Fensters. Er kann von 0° bis 120° entweder manuell am Schieberegler eingestellt werden oder läuft durch Klick auf die Schaltfläche unten links im Bild automatisch zwischen diesen Werten hin und her. Die Größen l1 und l2 bezeichnen die kleinste und größte Länge der Teleskopstange. Es muss immer l1 < l2 sein, andernfalls verschwindet der Schieberegler für l2. Die Fensterdicke d wird mit dem oberen Schieberegler in der zweiten Spalte eingestellt. Die Darstellung ist etwas vereinfacht: Zu der reinen Fensterdicke gehört hier auch noch der senkrechte Abstand der Scharnierachse A und des Drehpunktes Y vom Fenster dazu. Beide sind in d bereits eingerechnet, weswegen die Punkte A und Y auf den Rechteckkanten des Modellfensters liegen. Relevant wird diese Vereinfachung nur, wenn die Teleskopstange bei großen Öffnungswinkeln mit dem Fenster in Berührung kommt. In diesem Fall erscheint hier eine Warnmeldung. Die Fensterbreite b, die mit dem unteren Schieberegler eingestellt werden kann, hat keinen besonderen Einfluss auf das Problem, außer dass sie die obere Grenze für die Befestigungspunkte bildet. Unten werden die Montagepunkte für X und Y als Zahlenwerte ausgegeben: Einmal ist es die x-Koordinate des Punktes X, das andere Mal der Abstand des Punktes Y von der linken unteren Ecke des Fensterrechtecks. Einstellen lassen sich diese Werte, indem man die Punkte entlang der "Fensterbanklinie" (X) bzw. entlang der Fensterkante (Y) mit der Maus verschiebt oder einen der Punkte markiert und mit den Pfeiltasten bewegt. Oben rechts in der Ecke befindet sich noch ein Symbol, mit dem Sie den Anfangszustand der Grafik wieder herstellen können. Stellen Sie Ihre Fenstermaße sowie die minimale und maximale Länge Ihrer Teleskopstange ein und variieren Sie die Befestigungspunkte X und Y! Weitere Anmerkungen unter der Grafik. Michael Janßen, 23. November 2009, Erstellt mit GeoGebra Mit obigem Applet lässt sich recht komfortabel ausprobieren, wo man die Befestigungspunkte anbringen muss. Trotzdem erscheint diese Probiermethode etwas unprofessionell und so stellt sich die Frage, wie man eine analytische Lösung für dieses Problem finden kann. Durch das Probieren haben wir schon gemerkt, dass es mehr als ein Wertepaar (X|Y) gibt, das den Betrieb des Feststellers unter gegebenen Randbedingungen kleinster und größter Öffnungswinkel, kleinste und größte Feststellerlänge sowie Fensterdicke und -breite erlaubt. Und nicht nur das: Es gibt zu einem X auch einen ganzes Intervall Y-Werte und umgekehrt. Die Menge der Wertepaare (X|Y) bildet in der x-y-Ebene also eine Fläche, keine Linie. Aber welche?! Analytische Lösung:Der Befestigungspunkt Y bewegt sich auf einem Kreis, dessen Radius r von der Fensterdicke d und der Lage von Y abhängt. Dieser Kreis und sein Radius r sind blau gestrichelt eingezeichnet. Die kürzeste Länge des Feststellers ist dann erreicht, wenn der Feststeller senkrecht auf der Kreislinie bzw. der Tangente an den Kreis im Punkt Y steht, wenn also β=90° ist. (Auch die Tangente ist blau gestrichelt dargestellt.) Der Öffnungswinkel ist in dieser Stellung immer größer Null, wenn d > 0 ist. Diese hängt aber wie man sieht über den Radius r von Y ab. Den längsten Auszug benötigt die Teleskopstange bei voll geöffnetem Fenster. Beide Gleichungen stellen jeweils den Grenzfall der komplett ein- bzw. ausgefahrenen Teleskopstange dar, aber wie wir uns oben schon überlegt haben, sind weitere Werte für X und Y möglich und zwar für X größere als es die angegebene Formel berechnet und für Y kleinere. Man kann sich das ggf. mit Hilfe des Applets veranschaulichen. Folgende Randbemerkung leitet sich aus dem Spiel mit Öffnungswinkeln um β=90° ab: Die gegenseitige Abhängigkeit der beiden oben stehenden Formeln voneinander analytisch aufzulösen, ist mir bisher nicht gelungen. Natürlich könnte man den Ausdruck, den man durch Radizieren der oberen Formel für X gewinnt, in die untere Formel einsetzen und das Ganze dann nach Y auflösen, aber erstens werden die Ausdrücke recht unhandlich (drei geschachtelte Wurzeln über Summen) und zweitens wäre das ja nur die halbe Wahrheit, weil es sich ja eigentlich um Ungleichungen handelt, d.h. wir hätten damit nur den Verlauf des Y-Wertes, wenn X immer minimal wäre. Statt dessen habe ich mir zunächst pragmatisch geholfen und habe eine Excel-Tabelle angefertigt: Im Prinzip enthält die erste Zeile die X-Werte und die erste Spalte die Y-Werte. In den Zellen habe ich beide Formeln in einer UND-Funktion verknüpft, d.h. in der Zelle steht genau dann "WAHR", wenn die zu dieser Zelle gehörenden X- und Y-Werte beide Formeln erfüllen. Diese Methode liefert immerhin Zahlenwerte. Elegant fand ich sie aber deswegen noch lange nicht. Deswegen habe ich die beiden Gleichungen weiter verarbeitet und mit Hilfe von Geogebra eine bessere Veranschaulichung der Fläche zulässiger X-Y-Wertepaare gefunden. Dazu stellen wir uns einfach vor, wir würden die Position des Punktes X - vergleichbar mit einer freien Variablen - variieren und dann beide oben formulierte Bedingungen dahingehend untersuchen, was mit Y passiert, welche Werte für Y bei einem vorgegenenen X also noch möglich sind. Die erste Formel für die kürzeste Teleskopstange ist aber leider für eine unabhängige Variable Y formuliert. Wir müssen also zuerst die Umkehrfunktion bilden bzw. die Formel nach Y auflösen: Diese und die nach Y aufgelöste Formel für den längsten Teleskopauszug (s.o.) habe ich in Geogebra eingegben: Blau dargestellt ist die Formel für den längsten und grün die für den kürzesten Teleskopauszug. Für letzteren in Schwarz auch noch die Umkehrfunktion. Außerdem findet man natürlich auch hier die Schieberegler für Fensterdicke sowie kleinste (l1) und größste (l2) Feststellerlänge, denn von diesen drei Parametern hängen ja unsere gesuchten Positionen X und Y ab. Erläuterungen zu den roten Punkten und der roten Fläche kommen nach der Grafik! Bewegen wir uns mit unseren Installationspunkten X und Y auf der grünen Kurve bedeutet das, dass beim Durchlaufen des Öffnungswinkels α von null bis neunzig Grad die kürzeste Länge einmal erreicht wird. Analog wird bei Wertepaaren auf der blauen Kurve der längste Auszug erreicht. Beide Extrempositionen werden nur dann erreicht, wenn die Kombination aus X und Y auf beiden Kurven liegt, also im Schnittpunkt, der hier als Opt mit Werteangaben für X und Y rot gekennzeichnet ist. Jede Kombination von X- und Y-Werten aus dem rot hinterlegten Bereich zwischen der grünen und der blauen Kurve erlaubt das Öffnen des Fensters im Bereich von null bis neunzig Grad, jedoch ohne dass die Extrempositionen der Teleskopstange erreicht werden. Die rot eingezeichneten Punkte Xmin und Xmax begrenzen den Bereich, innerhalb dem der Montagepunkt X liegen muss, um überhaupt einen möglichen Punkt Y zu finden. Diese Punkte berechnen sich als Nullstellen der beiden Gleichungen wie folgt: Und für Xmax: Xmin ist zugleich der Punkt, der die optimale Montage repräsentiert, wenn man das Optimierungskriterium maximaler Öffnungswinkel zu Grunde legt. Die grüne Kurve verhält sich merkwürdig, sobald l1 größer wird als das Doppelte der Fensterdicke: Dann erscheint im Bereich des Ursprungs ein weiterer Teil der Kurve. Ich vermute, dass dieser Teil denjenigen Fall repräsentiert, der eintreten würde, wenn der Feststeller vom Punkt X aus in die entgegengesetzte Richtung zeigen würde, denn auch dann existiert ja ein Dreieck wie dasjenige welches wir zur Bestimmung der grünen Kurve herangezogen haben. Wegen der mechanischen Vorgaben der Aufgabe ist dieser Fall für uns aber nicht relevant. Hier nun die Ergebnisse meiner praktischen Montage: X = 28 cm Im Diagramm handelt es sich um den orangefarbenen Punkt. Falls ja, habe ich eine kleine Überraschung: Von den ersten vier Feststellern der oben gezeigten Art war ich so begeistert, dass ich mir vier weitere habe schicken lassen. Diese waren aber von anderer Bauart: Bei diesem System wird kein Teleskop ein- und ausgefahren sondern der Punkt Y lässt sich auf einer Schiene hin- und her bewegen. Na, wie müssen die Montagepunkte Ymin und Ymax gewählt werden??? Viel Spaß! Lösung auf der nächsten Seite!
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